Bremsunfälle

Unfallursache Bremsen

„Bremsen als Todesursache“ – Was auf den ersten Blicke wie eine zynische Verballhornung klingt, macht die ganze Problematik des Bremsens mit einem Motorrad deutlich. Sowohl die Technik von so genannten „Ein-Spur-Fahrzeugen mit getrennter Bremsanlage“ als auch die Fähigkeit des Zweirad-Benutzers entscheidet über Erfolg und Misserfolg beim Abbremsen – und letztlich auch über Leben und Tod. Deshalb fordern die Unfallforscher vom Institut für Fahrzeugsicherheit im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) nach der Analyse von Realunfällen und Auswertung der Unfall-Datenbank des GDV, dass Motorräder künftig möglichst serienmäßig mit ABS ausgerüstet werden und die ”Biker“ das richtige und sichere Bremsen in Aus- und Fortbildung lernen. Die technische Entwicklung hat auch vor modernen Motorradbremsanlagen nicht Halt gemacht. Die Zeiten unwirksamer Vorderradtrommelbremsen sind vorbei. Die kontinuierliche Kritik an dieser Bauart zwang die Industrie dazu, immer wirkungsvollere Bremsen zu entwickeln. Zur Zeit dürften 6-Kolben Bremszangen den Stand der Technik widerspiegeln. Zusammen mit Stahlflex-Bremsleitungen ergibt sich eine Vorderradbremse, die keine Probleme mehr hat, auch bei Geschwindigkeiten über 100km/h das Vorderrad abrupt zum Stehen zu bringen. Problem: Kontrolliert bremsen Kann ein durchschnittlich geübter Motorradfahrer diese Bremsleistung bei kontrollierten Bremsungen noch einigermaßen beherrschen, so ist er in einer Schrecksituation meist hoffnungslos überfordert. Entweder er öffnet seine rechte Hand sofort nach dem Blockieren des Vorderrades und kann so den Sturz vermeiden, oder er verkrampft und stürzt. In beiden Fällen kann er aber seine volle Bremsleistung nicht optimal einsetzen und verlängert seinen Bremsweg. Drei tödliche Unfälle, die nach diesem Muster abgelaufen sind, waren für das Institut für Fahrzeugsicherheit in München der Anlass, diese Problematik zu untersuchen und mit Auswertungen der Datenbank des Instituts zu beginnen. Ergebnisse der Unfallforschung In rund 65 Prozent aller Kollisionen zwischen Pkw und Motorrad hat der Motorradfahrer noch Zeit, eine Bremsung einzuleiten. In diesen Fällen entscheiden er und sein Bremssystem, wie viel Geschwindigkeit er abbauen und somit auch seine kinetische Energie reduzieren kann. Diese ist letztendlich verantwortlich für die Schwere seiner Verletzung, die er bei einem anschließenden Aufprall erleidet. In 20 Prozent dieser Fälle stürzt der Motorradfahrer. Bei der genauen Analyse konnte in 93 Prozent nachgewiesen werden, das er bei einer stabilen Bremsung, mit ABS, nicht gestürzt wäre. Zusammen mit den Alleinunfällen könnten die Unfallzahlen aller getöteten und verletzten Motorradfahrer durch ABS um ca. 10 Prozent reduziert werden. Bei den heutigen Unfallzahlen sind dies mindesten 70 Tote und 3000 Verletzte pro Jahr weniger. Zu wenig Motorräder haben ABS Bei Autos zählt das Antiblockier-System (ABS) selbst bei Kleinwagen zur Serienausstattung oder kann für wenig geordert werden. Bei Zweirädern führt der wirkungsvolle Blockierverhinderer ein Schattendasein. Nur schätzungsweise 2 bis 5 Prozent aller Bikes sind mit ABS ausgerüstet. Nicht nur die Industrie ist daran Schuld, vielmehr leisten die Motorradfahrer selbst einen großen Beitrag dazu, dass ABS zu wenig verbreitet ist. Selbstüberschätzung und in vielen Fällen Unkenntnis über die Wirkungsweise und Fähigkeiten des ABS führen zu einer unberechtigt niedrigen Akzeptanz des Systems. Dennoch: Die Industrie muss das Motorrad-ABS weiter verbessern und entweder serienmäßig oder zu einem nur geringem Aufpreis anbieten. Der Stand der Technik erlaubt heute Antiblockier-Systeme, die keine Fahrwerksunruhen mehr verursachen und bei einer geregelten Bremsung kaum noch zu spüren sind. Auch die Fahrschulen und die zahlreichen Sicherheitstrainings müssen sich des Themas annehmen. Zu selten hat ein Motorrad-Novize heutzutage die Möglichkeit, ABS-Bremsungen kennenzulernen bzw. zu üben.

© Bernt Spiegel – Motorradtraining alle Tage – Das Übungsbuch zu „Die obere Hälfte des Motorrads“