Kurventechnik

Kurventechnik – Das Salz in der Suppe

„Die Kurven sind das Salz in der Suppe“, pflegte H. W. Bönsch zu sagen. Das Salz in der Suppe sind die Kurven einmal, weil sich die geheimnisvolle Physik des fahrenden Motorrads, bei der alles so wundervoll ineinander passt, am ehesten erspüren und erahnen lässt, wenn sich das Motorrad in einer langen Kurve dahin bewegt. Aber dann natürlich auch, weil eine Kurve erst dann zum „fehlerlosen Kunstwerk“ wird, wenn wir als Fahrer – ohne unbedingt um die Geheimnisse so ganz genau zu wissen – unseren Teil dazu beitragen. Das ist nicht leicht. Aber wenn es gelingt, und wenn sich das dann immer öfter in neuen und immer wieder anderen Kurven fehlerfrei wiederholen lässt, dann erfüllt das den passionierten Motorradfahrer mit Glücksgefühlen. Jedoch, nirgends in der ganzen Motorradfahrerei werden mehr Fehler gemacht als beim Kurvenfahren! Wobei man, wie sich noch zeigen wird, diese Fehler, auch wenn sie vielleicht nur klein sind, nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte! Man kommt am raschesten zur nötigen Routine, wenn man sich klar macht, dass es sich beim Kurvenfahren, genau betrachtet, um zwei Aufgaben handelt und um sehr unterschiedliche noch dazu, die bewältigt werden müssen: Erstens einmal muss der Fahrer – salopp, aber sicherlich nicht unzutreffend formuliert wissen, was er will. Und zwar sollte er sogar ziemlich genau wissen, was er will; oder etwas näher am Problem formuliert: er muss präzise Vorstellungen von der Linie haben, die zu fahren ist, er muss diese vor sich sehen; oder noch spezieller ausgedrückt: er braucht als Erstes einen exakten Bewegungsentwurf (dazu gleich mehr). Zweitens muss er diesen Bewegungsentwurf umsetzen, ihn also genau treffen, ihn so realisieren, wie er ihn konzipiert hat. Alle Fehler, die man beim Kurvenfahren machen kann, stecken – irgendwo – in diesen beiden Schritten, und so mancher, der vorher in jeder ernsthaften Kurve nur Murks gemacht hat, erlebt plötzlich seinen Durchbruch, nachdem ihm klar geworden ist, dass es sich um zwei ganz getrennte Vorgänge handelt. Als Erstes kommt also der richtige Bewegungsentwurf. Denn es gibt überhaupt keinen Bewegungskomplex, der ohne einen unmittelbar vorhandenen Bewegungsentwurf abliefe. Gewöhnlich merken wir kaum etwas davon. Erst bei schwierigen Bewegungsabläufen, vor allem, wenn uns diese noch nicht vertraut sind, treten sie ins Bewusstsein; zum Beispiel beim Einüben eines schnellen Laufs beim Klavier. Das ist am deutlichsten erkennbar, wenn der Bewegungsablauf verbessert, also in irgendeiner Weise verändert werden soll. Und genau das ist ja der Fall, wenn wir beim Motorradtraining alle Tage das Kurvenfahren verbessern wollen. Zwar ist ein Bewegungsentwurf freilich schon vorher vorhanden, aber er ist nicht nur unbewusst, sondern er ist in den meisten Fällen auch viel zu vage. Er stimmt „so ungefähr“ und er fällt mal so und mal so aus. Der Entwurf muss also zunächst bewusst gemacht werden, damit er verbessert und vor allem präzisiert werden kann. Später dann, wenn er sitzt und genügend detailliert ist, ist es durchaus erwünscht, dass er wieder absinkt und zur selbstverständlichen Handlungsvorschrift wird, die dann nicht mehr bewusstseinspflichtig ist.

© Bernt Spiegel – Motorradtraining alle Tage – Das Übungsbuch zu „Die obere Hälfte des Motorrads“