Vollbremsung

Schlüsselthema Bremsen: Von Hundert auf Null

Es gab einmal einen berühmt-berüchtigten Amischlitten mit einem riesigen V8-Motor, aber notorisch schlechten Bremsen. Bei Benzingesprächen gaben die Besitzer gerne mit der Beschleunigung von 0 auf 100 an, die wirklich beeindruckend war. Kenner fragten allerdings gelegentlich etwas hämisch zurück: „Und wie lang braucht er von 100 auf 0?“ Das erinnert mich an manche Motorradfahrer, die stolz die Beschleunigungsangaben ihrer Maschine verkünden, die aber für das Gegenstück, für das Verzögern, deutlich länger brauchen. Dabei kann jedes Feld-, Wald- und Wiesenmotorrad, ob groß, ob klein, grundsätzlich die gleichen Verzögerungswerte wie ein Supersportmotorrad erreichen, so sehr es nur über eine richtig dimensionierte Bremsanlage verfügt. Das ist gut so! Und diese Verzögerungsdauer liegt unter der Beschleunigungsdauer, bei allen Motorrädern – aber eben nicht bei allen Fahrern, und das ist gefährlich!

Wie es ums eigene Bremsen bestellt ist, kann jeder mit dem folgenden Test selbst ausprobieren: Mit 100 km/h fahren (ebene Straßen, guter Belag, kein Verkehr) und Vollbremsung bis zum Stillstand, dabei die Sekunden mitzählen. Das ist nichts Genaues, aber völlig ausreichend für die gute Beantwortung der Frage: Wie gut kann ich meine Bremsanlage im Gefahrenfall ausnutzen? Das ist der Basistest für die Beurteilung der eigenen Bremsfähigkeit. Um einige grobe Anhaltspunkte für die Bewertung der eigenen Bewertung zu geben: Wer nur drei Sekunden von 100 auf 0 braucht, der hätte schon hervorragend gut gebremst! Der Wert liegt nah an dem, was maximal möglich ist. Vier Sekunden sind noch einigermaßen ordentlich. Spätestens bei fünf Sekunden sollten Sie darüber nachdenken, was sich zur Verbesserung der Bremserei tun ließe; beispielsweise könnte man als erste Maßnahme bei den alltäglichen Fahrten einfach dem Bremsen im Ganzen etwas mehr Beachtung schenken, denn da ist offenbar noch einiges herauszuholen. Und bei sechs Sekunden und mehr besteht schließlich akut hochgradiger Trainingsbedarf!

Schätzen Sie bitte einige Sekunden weniger oder mehr nicht gering ein! Sie können buchstäblich über Leben und Tod entscheiden! Dazu ein Beispiel: Zwei Motorradfahrer auf einem schmalen Landsträßchen fahren mit 100 km/h; nehmen wir der Einfachheit halber an, sie fahren genau nebeneinander her. Plötzlich ist die Fahrbahn von einem schweren Trecker versperrt, der sich, von Gebüsch verdeckt, vom Acker auf die Fahrbahn geschoben hat. Der eine Fahrer kommt unter sofortigem vollem Bremseinsatz noch unmittelbar vor dem Trecker zum Stehen. Der andere, so nehmen wir an, reagiert schlechter und beginnt eine Sekunde später mit dem Bremsen (oder er bremst um das Entsprechende schwächer). Wenn, wie wir angenommen haben, für den ersten Fahrer der verfügbare Weg gerade noch ausreicht, dann wird der zweite, obwohl ihm nur eine einzige Sekunde fehlt, mit rund 40 km/h, wie sich errechnen lässt, auf den Trecker treffen. Die Folgen bei einem derart schweren Hindernis sind katastrophal. Die folgende Übung ist aber nicht nur ein Test für die eigene Bremsfähigkeit, sondern verfolgt auch ein Trainingsziel, indem sie sich – für den Fall eines noch unzureichenden Ergebnisses – zur risikolosen Verbesserung der Verzögerung einsetzen lässt.

Test zur Beurteilung der eigenen Bremsfähigkeit
Auf möglichst verkehrsarmer, ebener Straße mit gutem Belag bei Trockenheit und unter Beachtung des Rückspiegels aus 100 km/h eine Vollbremsung bis zum Stillstand durchführen. Dabei die Verzögerungsdauer grob durch Mitzählen ermitteln.
Erster vorsichtiger Bremsversuch ___ Sek.
Weitere Bremsversuche ___ Sek.
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© Bernt Spiegel – Motorradtraining alle Tage – Das Übungsbuch zu „Die obere Hälfte des Motorrads“